Lucy Schreck - ein geheimes Tagebuch

Nirgends kann man so anonym schreiben wie im Internet. Unverfälscht, ehrlich und manchmal auch rücksichtlos seine Gedanken äußern und dadurch sortieren. Eventuell sogar eine Diskussion anzetteln. Lucy Schreck –so versteckt wie Cro hinter seiner Maske – schreibt über und aus ihrem Leben. Voller Pannen, Hindernisse und den Gedanken einer Frau, die als Werbetexterin den Traum von der eigenen Buchhandlung hat. Wird Sie den Schritt wagen und wenn ja wie wird sich ihr Leben verändern? Ein Blog wie das Leben zwischen Höhen und Tiefen, erstaunlichen Erkenntnisse und völliger Ratlosigkeit.

Hypnose - Seminar Teil 2

Lucy 15 web

Während der Kaffeepause breitete Dieter ein rotes Tuch aus und zeigte mir mit einer Handbewegung, dass ich mich darauflegen sollte.
Ich schloss die Augen, auf dem Rücken liegend, und fühlte mich völlig ausgeliefert. Alles in meinem Körper weigerte sich gegen diese Hypnose. Mein Gehirn verkündete ständig: Bleib wachsam! Nicht einschlafen!
Dennoch hörte ich auf seine leise Stimme, die mich trotz aller Gegenwehr langsam in den Schlaf lullte.
Ich erwachte vollkommen erholt. Alles in mir war entspannt und ausgeruht. Diesen Zustand vermisste ich seit Jahren. Deshalb strahlte ich Dieter an, der mich erwartungsvoll ansah: „Und? Wer hat dich in Trance besucht?“
Ich überlegte kurz, dann zuckte ich die Achseln. „Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und die Kinder von Bullerbü ...“ Ich sah ihm an, dass dies nicht die erhoffte Antwort war, und ließ mich ein wenig von seiner Enttäuschung anstecken. Die anderen kamen zurück. Er raunte mir noch zu: „Nach dem Seminar habe ich noch eine halbe Stunde Zeit ...“
Als alle wieder im Raum waren, wurde ein Abschlusstanz veranstaltet. Alle sollten sich zur Musik mit ihren Emotionen und ihrem geistigen Führer durch den Raum bewegen.
Eigentlich war ich mir sicher, das mich keinerlei Emotionen erfassen würden, und während ich die anderen verklärt durch den Raum schweben sah, konnte ich mir ein herablassendes Grinsen kaum verkneifen.
Dieter kam zu mir, verscheuchte mich von meinem Stuhl und wisperte mir zu: „Lass es raus. Gib dich deinen Gefühlen hin.“
Als Erstes ergriff mich ein Lachkrampf, den ich nicht mehr stoppen konnte. Und dann fühlte ich diese Energie, die mich das letzte Mal in der Grundschule überfallen hatte. Ich wirbelte durch den Raum. Machte große Sprünge, glich mehr einem Kobold als einer Elfe. Ich hüpfte, lachte und drehte mich, bis ich vor Schwindel auf dem Boden lag. Irgendwie hatte ich das Gefühl, Pippi Langstrumpf wäre in meinen Körper gefahren. So wild hatte ich mich schon lange nicht mehr benommen. Und das Allerbeste: Es war mir egal, was diese anderen Führersuchenden dachten. Es kribbelte überall in meinem Bauch, als habe ich literweise Brause in mir. Mein Herz hüpfte vor Freude und am liebsten hätte ich jeden umarmt und laut aufgejauchzt.
Als all die Erleuchteten davon geschwebt waren, widmete sich Dieter mir und meiner Bande erneut. Ich hatte nichts gegen die Hypnose; verschaffte sie mir doch in Minuten das Erholungsgefühl eines Sommerurlaubes.
Bei seinen Worten: „Dein geistiger Führer wird nun auftauchen und dich stetig begleiten und du wirst genau den bekommen, der absolut passend für dich ist und dir mit Rat und Tat zur Seite steht, damit du deinen Lebensweg wieder findest ...“ tauchte ich wieder ins Dunkel ab.
Ich erwachte durch sein Schnipsen, verabschiedete mich rasch und fuhr in Richtung Heimat. Laut pfeifend und so lebendig, dass ich erschrocken an der Ampel aufschrie, als ich neben mir eine leicht durchsichtige Gestalt erblickte.
Pippi Langstrumpf! Sie hüpfte auf dem Autositz, war ungefähr 50 Zentimeter groß und eindeutig sichtbar. Zitternd hielt ich am nächsten Parkplatz an. Ich stieg aus, atmete tief ein und aus, umrundete das Auto und erst als ich mich wieder normal fühlte, spähte ich wieder ins Wageninnere.
Sie war immer noch da. Kopfstand machend auf dem Beifahrersitz. Ich zückte mein Handy. Dieter musste her und Pippi musste weg. Ansonsten war ich ein Fall für die Psychiatrie. Mailbox. „Lieber Suchender. Sende mir eine E-Mail. Ich bin für 4 Wochen im Schweigeretreat und werde mich danach bei dir melden ...“
Dieser Idiot. Pippi war nun am Fenster und schnitt in meine Richtung Grimassen. Langsam fröstelte ich. Meine Großmutter kam mir in den Sinn: „Du musst den Stier bei den Hörner packen!“ Also stieg ich zurück ins Auto und versuchte, Pippi an den Zöpfen zu packen. Vergeblich. Sie lachte und meinte: „Hey. Ich gehöre nun zu dir. Ich zeig dir, wie man einen Schatz findet.“ Dann kletterte sie auf die Rückbank und wackelte mit den Füßen. Ich beschloss, nach Hause zu fahren, eine Nacht zu schlafen und morgen würde diese Vision bestimmt verschwunden sein. Es war wohl doch ein bisschen viel Hypnose gewesen. Da war es sicherlich normal, irgendwelche Erscheinungen zu haben. Schweigend fuhren wir nach Hause. Ich ging sofort ins Bett, zog mir die Decke über den Kopf und fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

Buch zum Thema:

Die Paulis in Takatukaland; Gernot Gricksch

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