Lucy Schreck - ein geheimes Tagebuch

Nirgends kann man so anonym schreiben wie im Internet. Unverfälscht, ehrlich und manchmal auch rücksichtlos seine Gedanken äußern und dadurch sortieren. Eventuell sogar eine Diskussion anzetteln. Lucy Schreck –so versteckt wie Cro hinter seiner Maske – schreibt über und aus ihrem Leben. Voller Pannen, Hindernisse und den Gedanken einer Frau, die als Werbetexterin den Traum von der eigenen Buchhandlung hat. Wird Sie den Schritt wagen und wenn ja wie wird sich ihr Leben verändern? Ein Blog wie das Leben zwischen Höhen und Tiefen, erstaunlichen Erkenntnisse und völliger Ratlosigkeit.

Nahkampfgebiet Schule

nahkampf schule web

Pippi und die Schule ...

... das elterliche Nahkampfgebiet

Es gibt anscheinend Kinder, bei denen ist Schule kein Thema. Die Eltern sind entspannt, die Einser finden von alleine ihren Weg ins Zeugnis. Nicht bei mir und meiner Tochter. Die Einladung zum Elterngespräch lag auf dem Küchentisch. Ein dicker Knoten breitete sich in meinem Magen aus. Die Mischung aus Sorge, Angst und Unmut ließen meine Stimmung auf den Gefrierpunkt sinken.

Meine Tochter hat keine Schulangst und wird auch nicht gemoppt. Weit gefehlt. Sie ist völlig tiefenentspannt. Selbst Sechser bringen sie gar nicht aus der Ruhe. „Mama, chille mal. Ich kann Englisch. Nur eben nicht schreiben. Ist ja schließlich auch eine Sprache.“ Ja, sie kann Englisch sprechen, doch das interessiert keinen. „Nicht in der Schule. Und ein Schulabschluss ist nun mal wichtig. Das ist eine Tatsache!“, brülle ich, völlig entnervt und hilflos. Nachdem Türen zugeknallt wurden, sitze ich alleine am Küchentisch.

Einen Tag später befinde ich mich vor dem Lehrer im Elterngespräch und fühle mich so hilflos wie ein Kind. Meine Augen füllen sich mit Tränen, die ich tapfer hinunterschlucke. Warum? Ich bin über vierzig und selbst in der Werbeagentur konnte mir keiner schräg kommen. Da lachte ich. Auch im Buchladen stehe ich meine Frau, doch sobald ich diese Hallen des Strebens betrete, werde ich wieder zum Kind.

Pippi hat mich natürlich nicht begleitet, sie hat sich krass verweigert. Allerdings hatten wir vorher eine ausgiebige Diskussion über den Sinn und Unsinn der schulischen Bildung und meiner wohl völlig absurden Vorstellung vom Leben.

Pippi schlich um mich herum und zog dabei eine Grimasse. Ich hole mir einen Tee. Zur Entspannung. Pippi setzt sich wieder mal im Schneidersitz auf den Küchentisch und pfeift vor sich hin. Ich kenne das. Wenn ich jetzt nicht mit ihr rede, zieht sich das den ganzen Tag hin. Deshalb frage ich etwas genervt: „Also, Pippi? Was ist nun deine Meinung dazu?“

„Gut, ihr müsst in die Schule, wobei ich dies als ungeheure Einschränkung der Freiheitsrechte sehe. Ist es nicht viel schöner, auszureiten und glücklich zu sein?“

„Hallo, Pippi! Aufwachen! Wir haben keinen Koffer voller Gold“, empöre ich mich.

Sie bohrt nachdenklich in der Nase, um den Popel dann genauestens auf ihrem Zeigefinger zu untersuchen.

Als sie das Interesse daran verliert, fragt sie scheinbar harmlos:

„Warum geht ihr überhaupt zur Schule?“

„Damit die Kinder fürs Leben vorbereitet sind. Dort lernt man alles Wichtige! Und dann kann man studieren“, kommt es wie aus der Pistole geschossen.

Pippi zieht ihre Augenbrauen hoch.

„Vielleicht wird deine Tochter Königin von Timbuktu oder erfindet eine Geldmaschine oder erforscht unbekannte Planeten? Bereitet sie die Schule darauf auch vor? Vielleicht verschwendet sie gerade ihre ganze Lebenszeit? Oder muss man wirklich wissen, was eine adverbiale Bestimmung ist?“

„So läuft es eben.“ Fest presse ich meine Lippen zusammen. Auf keinen Fall möchte ich Pippi recht geben, obwohl ich mich sehr oft frage, ob das Schulwissen noch Sinn macht. In Zeiten von Internet und einem allumfassenden Wissen, auf das wir Zugriff haben, sollte eigentlich anderer Lernstoff als Auswendiglernen von Bibeltexten und Skeletten des Rinds und Co unterrichtet werden.

Um es frei nach Humboldt zu sagen: Schule sollte das Potenzial eines Kindes entwickeln und es nicht zum Auswendiglernen von Themen verdonnern, die es längst überall im Internet gibt.

Seht die Kinder als kreative Wunderwerke voller Kichern und Geistesblitzen und nicht als Hamster, die täglich das Murmeltier in ihrem Laufrad begrüßen.

Verbiegt sie nicht, sondern gebt ihren Stärken Nahrung, um uns neue Wege zu zeigen ...

Ich habe das Elterngespräch überstanden, meine Tochter ist zu unorganisiert.

Es dauert zu lange, bis ihre Bücher auf dem Tisch liegen. Deshalb musste ich also anrauschen. Da kam mit Humboldt in den Sinn. Um ihn frei zu zitieren: Schule sollte die möglichen Stärken der Menschen entwickeln.

Nun bin ich mit Pippi einig und interessanterweise gibt es hierzu zwei fantastische Bücher, die mir aus der Seele sprechen:

Bewerte diesen Beitrag:
Wie Pippi verschwindet und Goethe auftaucht...
Herumliegende Socken und die Wahrheit