Lucy Schreck - ein geheimes Tagebuch

Nirgends kann man so anonym schreiben wie im Internet. Unverfälscht, ehrlich und manchmal auch rücksichtlos seine Gedanken äußern und dadurch sortieren. Eventuell sogar eine Diskussion anzetteln. Lucy Schreck –so versteckt wie Cro hinter seiner Maske – schreibt über und aus ihrem Leben. Voller Pannen, Hindernisse und den Gedanken einer Frau, die als Werbetexterin den Traum von der eigenen Buchhandlung hat. Wird Sie den Schritt wagen und wenn ja wie wird sich ihr Leben verändern? Ein Blog wie das Leben zwischen Höhen und Tiefen, erstaunlichen Erkenntnisse und völliger Ratlosigkeit.

Der Mahnbescheid.

Zeugenaussage web

Der Mahnbescheid ...

War die Euphorie anfangs recht groß, fielen mir nach und nach die Nachteile eines führerscheinfreien Lebens ein. Ich könnte jetzt nicht in das Konzert. Oder abends nach dem Literatursalon: Wie komme ich nach Hause? – Wer nimmt mich mit?

Das Foto von meinem Vergehen kam – und ganz ehrlich: Es war miserabel, oder besser eigentlich genial, denn man erkannte mich nicht. Also sendete ich keine Zeugenaussage zurück – okay, ich gestehe: Ich habe sie so lange in meiner Handtasche mit mir herumgetragen, bis sie auf unerklärliche Weise (ja geradezu mythisch) verschwunden war. So etwas passiert. Vor allem mir. Irgendwie steckt jeder alles in meine Tasche oder gibt es mir zum Aufbewahren – vom Ladekabel bis zur Elternabendeinladung, Überweisungen von Onlineshops, Hinweise auf tolle Bücher – wenn meine Handtasche dann das Gewicht eines Tankkanisters hat, werfe ich alles weg. Dabei muss ich auch die Zeugenaussage entsorgt haben. Natürlich keinesfalls mit Absicht. Drehten sich doch die ganze Zeit meine Gedanken darum, was ich dort nun reinschreibe. Das reichte von „Leckt mich – ich war es!“ bis hin zu „Keine Ahnung, wer diese Frau ist!“
Es kam, wie es kommen musste. Eines Tages parkte ein Polizeiauto vor meinem Buchladen und ein Mann in Uniform trat mit festen Schritten durch die Türe. Zum Glück war gerade kein Kunde im Geschäft.
Er zeigte mir das Fotos und sagte ohne Umschweife: „Ihr Mann hat sie darauf eindeutig identifiziert. “ Dieser Verräter! Da tauchte es wieder auf - mein Teufelchen. Es puffte mich in die Seite und sagte: „Ich erkenne mich dort nicht.“ Sekunden später starrte ich den Polizisten an. „Wer ist das? Er hat eine Freundin – das Schwein. Können Sie herausfinden, wer diese Frau ist?“ Dem Polizisten wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. Peinlich berührt blickte er zur Seite. „Ähm. Klären Sie das bitte intern. Ansonsten muss Ihr Mann als Fahrzeughalter dafür haften.“ Der Beamte legte das Foto samt Formular auf den Verkaufstresen und sagte sehr formell: „Ich komme dann morgen wieder.“
Am nächsten Tag hatte ich natürlich fein säuberlich alles ausgefüllt. Nicht ohne vorherige Szene bei meinem Mann. Schließlich hatte er mich verraten.
Doch mein Mann blieb gelassen: „Das bist eindeutig DU! Ich sehe sogar, wie hinten die Kinder streiten.“
Auf den Zeugenbogen klebte ich einen POST-IT-Zettel: Er leugnet. Deshalb übernehme ich die Strafe!
Leider war ich nicht zugegen, als der Polizist kam. Meine Mitarbeiterin berichtete, dass er nur den Kopf schüttelte und schleunigst flüchtete.
Tja. Und nun – fühle ich mich wie vor meinem 18. Geburtstag in dem Körper einer Vierzigjährigen. Was bedeutet: Trampen fällt eher flach. Wenigstens sind meine Nachbarn wirklich freundlich und nehmen mich meist mit. Ansonsten sorgt das Fahrradfahren tatsächlich für straffe Oberschenkel. Auch bei meinen Kindern. Die zählen allerdings die Tage, wann ich sie wieder mit dem Auto herumkutschiere – bis dahin feixt mein Teufel. Der hat nun natürlich wieder Oberwasser.


Literaturlink:

• Karl Traunmüller: Der Polizist
• Uli Stein: Aufmachen, Polizei!

Der Einbruch
Des einen Freud, des anderen Leid