Lucy Schreck - ein geheimes Tagebuch

Nirgends kann man so anonym schreiben wie im Internet. Unverfälscht, ehrlich und manchmal auch rücksichtlos seine Gedanken äußern und dadurch sortieren. Eventuell sogar eine Diskussion anzetteln. Lucy Schreck –so versteckt wie Cro hinter seiner Maske – schreibt über und aus ihrem Leben. Voller Pannen, Hindernisse und den Gedanken einer Frau, die als Werbetexterin den Traum von der eigenen Buchhandlung hat. Wird Sie den Schritt wagen und wenn ja wie wird sich ihr Leben verändern? Ein Blog wie das Leben zwischen Höhen und Tiefen, erstaunlichen Erkenntnisse und völliger Ratlosigkeit.

Der Teufel in mir

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Gestern kam er zum Vorschein. Ich wusste, er lauert mir auf. Dieser kleine Teufel, der sich halb kaputt lacht über mein neues Image als brave Buchhändlerin, saß auf meiner Schulter und kommentierte mein Leben. So auch bei jener Autofahrt:
Wir waren auf dem Rückweg der üblichen Besorgungen, die Mütter erledigen dürfen. Turnschuhe neu anschaffen, da Kinder ständig überall hinauswachsen; Schulhefte; Lebensmitteleinkäufe und Badeanzüge. Ich hasse diese Art von Einkäufen und nun muss ich hierfür einen freien Nachmittag einplanen und eine Mitarbeiterin bezahlen, die mich in der Buchhandlung vertritt.
Natürlich wollte mein Sohn – die Pubertät lässt grüßen – keine „normalen“ Turnschuhe. Nein: ein Nike Air musste her, der fünfte in seiner Sammlung. Ähnlich verlief es bei den Zwillingen, die sich mit ihren neun Jahren in rosa gewandete Dickköpfe verwandelt haben. Der Entscheidungsprozess bei der Auswahl von drei rosa Bikinis oder doch lieber einem gestreiften Badeanzug zog sich kaugummiartig in die Länge. Sie wollten unbedingt den gleichen tragen, jeder hatte jedoch einen anderen Favoriten. Ich hatte mir während der Schwangerschaft geschworen, dass meine Zwillinge niemals gleich angezogen werden. Nun musste ich erkennen, dass Mütter eben meist recht wenig zu sagen haben, wenn es um die Kleidung ihrer Kinder geht. Vor allem bei Mädchen. Meinem Sohn legte ich selbst als Zehnjährigem noch alles auf sein Bett und er zog brav an, was Mama ausgesucht hatte. Im Zeltlager kam er sogar in einer Woche mit nur einem Outfit aus. (Die ungetragene Wäsche musste ich natürlich trotzdem waschen, da alles nach Zelt muffelte.)
Nicht so die Zwillinge. Endlose Diskussionen jeden Morgen und unzählige Kleider täglich.

Vom Einkauf genervt, war ich auf der Rückfahrt nicht gerade entspannt. Verstrickt mit meinem Sohn in eine Diskussion, wohin ich ihn und seine Freunde fahren solle, mit zwei kreischenden Mädchen auf der Rückbank, von denen eine zum Gitarrenunterricht musste und die andere in den Reitstall wollte, verlor ich die Nerven und schrie: „Und was ist mit mir? Denkt ihr, ich habe Lust, an meinem freien Nachmittag nur durch die Gegend zu fahren? Alles Geld, das ich verdient habe, für Turnschuhe auszugeben, und ...“ Dann blitzte es hell. IM ORT – kurz vor dem Ortsschild. Und da flüsterte der Teufel: „Ha, ha. Bald musst du nirgends mehr hinfahren. Bald können sie laufen.“ Ich hingegen sagte laut: „So, jetzt seid ihr schuld, dass ich durch diese Scheißblitzanlage gerauscht bin. Bald fahre ich nirgendwo mehr hin.“ Wohingegen mein Großer bereits in seinem Handy googelte. „ Nein Mama, dafür warst du zu langsam. Allerdings, wenn sie dich in nächster Zeit noch einmal blitzen, dann ist er weg – der Lappen.“ Beleidigt fuhr ich nach Hause.
Immer wieder tauchte das Teufelchen auf und sagte: „Vier Wochen kein Fahrdienst und alle werden dich bedauern. Dann hast du endlich viel Zeit. Überleg mal, wie oft du diese Plagen durch die Gegend kutschierst.“
„Teufel, halt’s Maul, das sind meine Kinder, keine Plagen.“
„Ach Lucy, dich nervt das Fahren. Gib es zu!“
„Jaaaa. Es wäre schon verlockend. Aber ...“
„Ich wusste es. Du bist jetzt eine biedere Buchhändlerin, die nichts mehr wagt ... überleg doch, welche Chance. Die Leute haben eine vorgefasste Meinung, keiner kommt auf die Idee, dass du freiwillig durch eine Blitzanlage bretterst. Freie Stunden, gemütliche Fahrten mit dem Fahrrad. Keine Großeinkäufe. Das alles muss dann dein Mann übernehmen ...“

Heute bin ich alleine ‒ auf der gleichen Strecke. Die Badeanzüge umtauschen. Mein Herz schlägt laut, als ich mich der Blitzanlage nähere.
Der Teufel feixt: „Feigling! Lebe deine Träume und stell dir deine eigenen Regeln auf.“
„Ruhe. Ich weiß ...“ Und plötzlich, wie beim Sprung vom Dreier, gebe ich Gas. Beschleunige auf 70 km/h. Das müsste in der Ortschaft reichen. Meine Ohren rauschen, mein Hals pocht. Es blitzt und ich bremse. Stark. Komme fast zum Stillstand. Meine Knie zittern. Nun kann ich es nicht mehr rückgängig machen. Triumph und Gewissensbisse wechseln sich ab.

Manche haben gar kein Auto, also werden wir es auch vier Wochen aushalten! Ich werde die freie Zeit nutzen. Durch das Fahrradfahren werde ich topfit und gertenschlank werden. Ich drehe das Radio laut auf und singe mit: WE ARE THE CHAMPIONS – WE ARE THE ...


Literatur, die zum Thema passt:
- Mama, chill mal! Felicitas Römer; Verlag Patmos
- Im Reich der Pubertiere. Jan Weiler; Kindler

Das Leiden der Künstler
Und plötzlich war ich ein guter Mensch...