Lucy Schreck - ein geheimes Tagebuch

Nirgends kann man so anonym schreiben wie im Internet. Unverfälscht, ehrlich und manchmal auch rücksichtlos seine Gedanken äußern und dadurch sortieren. Eventuell sogar eine Diskussion anzetteln. Lucy Schreck –so versteckt wie Cro hinter seiner Maske – schreibt über und aus ihrem Leben. Voller Pannen, Hindernisse und den Gedanken einer Frau, die als Werbetexterin den Traum von der eigenen Buchhandlung hat. Wird Sie den Schritt wagen und wenn ja wie wird sich ihr Leben verändern? Ein Blog wie das Leben zwischen Höhen und Tiefen, erstaunlichen Erkenntnisse und völliger Ratlosigkeit.

Des einen Freud, des anderen Leid

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Die Gedanken rattern in meinem Kopf. Konsum ist out – Genügsamkeit in. So weit einleuchtend. Außer man liest ein Buch – oftmals spirituell – da geht es um Fülle und um das Erfüllen von Träumen. Schreibt doch die sonst von mir geschätzte Frauenzeitschrift: ein gefülltes Bücherregal sei in Zeiten des Minimalismus anachronistisch. Was heißt das jetzt schon wieder? Ehrlich. Ich hasse Fremdwörter, die zeigen sollen, wie begabt der Schreiberling ist, und den Leser im Regen stehen lassen. Es heißt sicher nichts Gutes, das ist klar. Nur: Was heißt ANACHRONISTISCH genau und ist das wirklich so geläufig, um es schnell mal eben in einen Zeitschriftentext von vielleicht 100 Wörtern unterzubringen?
Fremdwörter, die nicht verstanden werden, suggerieren: PARDON; sagen dir: Lieber Leser, du bist ein wenig ungebildet, vielleicht sogar doof, wenn du dieses Wort nicht kennst. Bullshit! Der Teufel in mir rebelliert, der Rest holt sich das Fremdwörterlexikon – ja, ich besitze noch selbiges und ziehe es Wikipedia vor. OHHH, wie viele Wörter gibt es denn mit Anal … – der Abend scheint gerettet. Zu weit, wieder zurückzublättern: Hier: ANACHRONISTISCH – im Duden Fremdwörterlexikon: nicht in eine bestimmte Zeit passend, nicht zeitgemäß, zeitwidrig. Also, Bücher passen nicht in unsere Zeit, bei der alles optimiert und minimalisiert wird. Bei der Fremdwörter üppig verwendet werden, um einfache deutsche Ausdrücke zu ersetzen. Wo bitte schön ist das Minimalismus?!
Vereinfache dein Leben – simplify your life. Richtig, aber muss man denn gleich bei Büchern anfangen? Nicht nur, dass mit diesem Hinweis den Buchhandlungen die Lebensgrundlage entzogen wird, was natürlich nun auch mich betrifft, nein – so etwas Harmloses wie das Abschaffen des Bücherregals, schließlich werden wegen Büchern Bäume gefällt, zählt zu den 30 Dingen, welche die Welt verbessern sollen, oder war die Überschrift nicht: Rettet die Welt? Oh, oh – ich glaube, bei unserer nachhaltigen Forstwirtschaft sollte man zuerst Handys, Autos und anderen Schnickschnack abschaffen, um die Welt zu verbessern. Klar ist es einfacher, Bücher zu entsorgen, als etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Zum Beispiel mit Kindern malen oder ihnen Künstler und ihre Gedanken nahebringen oder Bücher austauschen und andere von diesem wundervollen Kulturgut begeistern. Oder Kindern und auch Erwachsenen einen Zugang zu unserer Kultur ermöglichen. Alles zeitintensiv ‒ da verramscht man lieber ein paar Bücher, beschließt, in die Bibliothek zu gehen – mal ehrlich: Wer macht das wirklich? Aber Hauptsache wir passen zum Zeitgeist.
Und – verkaufe ich nun entgegen dem Zeitgeist Bücher? JA! Ich verschenke sie sogar. An Freunde, an Mitarbeiter, bei Geburtstagen, an gute Kunden. Welch anachronistische Geste.
Falls jemand eine Bücherleasingvariante hat, steige ich sofort mit ein, doch bis dahin lebe ich in der Fülle deutscher Wörter, und wenn ich ein Buch verschenke, verkaufe oder aussortiere, nimmt ein neues diesen Platz ein. Sofort habe ich mir zwei neue Bücher bestellt: Leben mit Büchern und Meine wundervolle Buchhandlung! Morgen suche ich mir 30 weitere Dinge, die in meinen Augen die Welt verbessern ... gleich nach dem Aufstehen


30 Dinge, die in meinen Augen die Welt verbessern:

1. Ich kehre vor meiner eigenen Haustüre.
2. Ich kümmere mich um meine Angelegenheiten und bin bei meinen Mitmenschen tolerant (selbst wenn diese Bücher hinausschmeissen).
3. Was mir nicht passt, verändere ich – so weit es in meiner Macht steht.
4. Ich übernehme Eigenverantwortung.
5. Ich sehe in allen Menschen das unschuldige Kind.
6. Ich adoptiere ein Patenkind, das ich monatlich unterstütze.
7. Ich nehme mir Zeit für ältere Menschen.
8. Ich nehme mir Zeit für ein Gespräch.
9. Ich führe mit meiner lieben Tante ein Telefonat.
10. Ich helfe jemandem aus der Zwickmühle.
11. Ich nehme mir Zeit, das richtige Buch für jemanden herauszusuchen, um ihm in einer bestimmten Angelegenheit weiterzuhelfen.
12. Ich arbeite kreativ mit Kindern.
13. Ich gründe einen Leseklub.
14. Ich gründe eine Schreibwerkstatt.
15. Ich sammle Müll im Wald.
16. Ich verzeihe, um mich selbst von Altlasten und Groll zu befreien.
17. Ich besuche eine Kirche, um für jemanden zu beten.
18. Ich gönne mir eine halbe Stunde Mittagsschlaf. (Warum ich damit die Welt verbessere? Na, weil ich dann für meine Kinder stärkere Nerven habe, diese nicht anbrülle und die dann wiederum ebenfalls zufrieden sind und keine Streitereien anzetteln ...)

Gut, ich höre an dieser Stelle auf. Denn eigentlich habe ich genug damit zu tun, um mit mir selbst in Frieden zu leben. Vielleicht werde ich hierzu mal ein Seminar besuchen ...
... nachdem ich die Welt gerettet habe!


Literatur:
5o Dinge , die du tun sollst, wenn ich tot bin (ein Liebesroman, der irgendwie meine Gedanken aufgreift und weitere Punkte hinzufügt)

Der Mahnbescheid.
Das Leiden der Künstler