Lucy Schreck - ein geheimes Tagebuch

Nirgends kann man so anonym schreiben wie im Internet. Unverfälscht, ehrlich und manchmal auch rücksichtlos seine Gedanken äußern und dadurch sortieren. Eventuell sogar eine Diskussion anzetteln. Lucy Schreck –so versteckt wie Cro hinter seiner Maske – schreibt über und aus ihrem Leben. Voller Pannen, Hindernisse und den Gedanken einer Frau, die als Werbetexterin den Traum von der eigenen Buchhandlung hat. Wird Sie den Schritt wagen und wenn ja wie wird sich ihr Leben verändern? Ein Blog wie das Leben zwischen Höhen und Tiefen, erstaunlichen Erkenntnisse und völliger Ratlosigkeit.

Es geht ja doch ... buch-stäblich!

Buch laden005

Die „Wende“ kam bei einem Friseurbesuch. Dort – als zum wiederholten Male versucht wurde, meine silbergraue Strähne zu übertünchen – hörte ich von dem kleinen Hutladen, der zu vermieten war. Er stand schon Jahre leer und nun hatte ihn die Nichte geerbt. Sie war bereit, ihn zu renovieren und zu vermieten. Ich erinnerte mich an die alten Holzregale, die hohe altmodische Theke und die zahlreichen ovalen Spiegel. Oh je, hoffentlich würde sie nicht alles rausreißen. Welch wunderbare Vintage-Ecke! In Städten unbezahlbar und der absolute Trend. Der Figaro meinte, die Nichte käme in einer halben Stunde. Manchmal passt einfach alles. Wir sprachen miteinander und ich erzählte ihr von meinem Traum, einem Buchladen inklusive Café und kleinen Leckereien, die man zusätzlich zu einem Buch würde erwerben können. Sie gab mir ihre Karte und wir vereinbarten eine Besichtigung der Ladenflächen. Wenn ich selbst renovierte (da würde mein Schwager ranmüssen, als Wiedergutmachung für die gelesenen Tagebücher), würde sie mir die ersten zwei Jahre eine supergünstige Miete zusichern. Seitdem spürte ich die Erregung in jeder meiner Zellen. Nach einer Familienkonferenz und dem Gespräch mit der Vertreterin eines Großhandels für Bücher sah es nun so aus, als würde sich ein Puzzleteil ins nächste einfügen. Finanzierungspläne, Mitarbeitersuche (ich kann ja nur vormittags arbeiten, nachmittags kommen die Kinder, die Kaninchen und der Haushalt an die Reihe) und Renovierung nahmen mich voll in Anspruch. Obwohl ich kräftemäßig am Limit war und nachts oft nicht schlafen konnte, vor lauter Sorgen, ob bis zur Eröffnung auch wirklich alles fertig würde, sitze ich nun in meinem eigenen Traum und warte auf Kunden. Keiner sagte mir, dass man hierfür schon etwas Geduld benötigt. Wobei, genügend Lesestoff habe ich ja-glücklicherweise! Ich liebe es, an den Büchern zu riechen und morgens die Bestellungen auszupacken. So viel Inspirationen! Bislang vermisse ich die Werbung nicht. Meine Kunden sind begeistert, dass es in unserem kleinen Städtchen wieder einen Buchladen gibt, auch wenn die Kasse noch nicht allzu freudig klingelt, dennoch: Ich habe viele lächelnde Kunden! Außerdem wird es demnächst einen Lesenachmittag geben, sonntags zu Kaffee, Kuchen und Lyrik. Meine zwei Aushilfen für die drei Nachmittage sind ganz reizende Buchhändlerinnen, die sich bereits in Rente befinden und nun froh sind, der Langeweile des Alters zu entfliehen. Wir sehen uns meist kurz mittags, bevor ich nach Hause hetze, und abends, um die Kasse zu machen und die Erträge zur Bank zu bringen. Klar ist, ich werde wohl Hilfe von meinen Kollegen aus der Werbebranche brauchen. So richtig bekannt ist meine kleine Buchboutique nämlich noch nicht. Also, Freunde der Werbung – ran an das Buch und die besten Werbeideen her zu mir.

Lektüre, die meinen Traum in mir weckte:

- Aus Liebe zum Buch Ann Patchett

- Lesen und lesen lassen: Geschichten und Gedichte für Buchliebhaber Nikolaus Heidelbach und Daniel Kampa (Hgs.)

Weiterlesen
Bewerte diesen Beitrag:
1567 Aufrufe

Philosophie und was ist der Sinn?

Philosoph lucy002

Philosophie und was ist der Sinn?

Wie soll ich nur leben? Keiner hat dies eindrucksvoller erörtert als Michel de Montaigne, auch wenn seine Aufzeichnungen schon Jahrhunderte zurückliegen.
Ich holte sein Buch aus dem Bücherregal, als ich mich in einer Psychoübung festgedacht hatte. Solche Tests scheinen mich magisch anzuziehen. Den Sinn meines Lebens würde ich erkennen, wenn ich mir meinen Tod vorstelle.
Demokrit, ein Zeitgenosse von Sokrates, hatte so etwas Ähnliches gesagt: Denke an deinen Tod und nimm nur diejenigen Mühsale auf dich, die notwendig sind. (Zitat aus Philosophie to go, Autor Albert Kritzler, S. 221.)
Also gehe ich zu dem Punkt in meinem Leben, der auf alle Fälle eintreten wird: der TOD. Selbst Jesus konnte ihm nicht unmittelbar entgehen. Wahrscheinlich werde ich so tatsächlich herausfinden, was ich vom Leben möchte und welche Mühsal nun mal dazugehört und welche zu vermeiden wäre.

MEIN LETZTER TAG – und dann: DIE REDE ZU MEINER EIGENEN BEERDIGUNG

Sie liebte Bücher. Sie liebte das Schreiben und sie liebte ihren kleinen Buchladen, in dem sich Menschen trafen, um miteinander zu reden ‒ das heißt, um tatsächlich miteinander zu reden, nicht bloß zueinander ‒, miteinander zu diskutieren und sich gegenseitig an ihren kostbaren Schätzen teilhaben zu lassen.

Sie hat ihren Traum gelebt.

Lebe ich momentan meinen Traum? Irgendwie hatten mich der Alltag, die Kinder und die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, weit von meinen Träumen entfernt.
Klar – dem Buchhandel ging es schon besser. Und trotzdem ‒ es geht doch nichts über eine warme Tasse Tee, einen aromatischen Milchkaffee oder über ein fesselndes Buch. Ich bin ein Freak. Meine Töchter sagen: „Mama, du bist süchtig nach Büchern!“ Wenn ich lese, vergesse ich die Welt um mich herum. Tauche ein in das Leben der Protagonistinnen und Protagonisten oder in die Köpfe von Hexen, Amazonen oder Philosophen.
Ich fresse Buchstaben. Meine Gier nach guten Geschichten und neuen Erkenntnissen ist unersättlich.
Außer die Bildzeitung, die meide ich. Warum? Na, wegen Böll und Wallraff.
Was schreibt ER nun – der Philosoph Montaigne?
„Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft.“ Diesen Gedanken äußert er in seinem „Essai“ über die Einsamkeit.
Was er damit meint: Ruhe zum Nachdenken. Ruhe zum Zwiegespräch. Ruhe, um kreativ zu arbeiten.

Leider besitze ich noch kein Geschäft und wahrscheinlich ist der unsinnigste Grund, sich selbstständig zu machen, ein Hinterzimmer zu besitzen! Doch der Gedanke, einmal gedacht, lässt mich nicht mehr los. Was für ein Traum! Ein eigenes Zimmer und ein Geschäft voller Bücher, voller Geheimnisse und Geschichten, über das Leben und über die Liebe, über Menschen und über Unmenschen Die Welt in meinem kleinen Laden. Tagträume, die immer mehr Raum einnehmen.
Also, wie soll ich leben?
Je ne regrette rien. – Bedauert wird nur, was wir nicht getan haben. Deshalb: Nur Mut, liebe Lucy!

Mit neu gefasstem Mut muss ich feststellen, dass meine Grabrede mehr als banal, ja geradezu langweilig klingt! Gut, Papier ist geduldig. Ich versuche es erneut, dieses Mal dem Vorsatz folgend: Ich bedauere nichts!

Ihr Leben war spannend wie ein Krimi. Trotz Widrigkeiten des Lebens folgte Lucy ihrer Vision – bekämpfte Ungeheuer, traf Elfen und hatte einen eigenen Kobold.
Sie entdeckte in sich den Teufel und war dennoch ein Segen. Ihre verrückten Ideen erhellten unseren Alltag. Sie werden noch lange nach ihrem Tode in unseren Köpfen herumspuken und uns ein Kichern bescheren.

Ein hoher Anspruch! Er gefällt mir – auf geht’s, du kleiner Teufel, höre auf zu philosophieren und stürze dich in das Abenteuer!


Bücher:
Philosophie to go
Albert Kritzler
Wie soll ich leben?
Sarah Bakewell

Weiterlesen
Bewerte diesen Beitrag:
1513 Aufrufe

3 Diäten boykottieren die Freundschaft

3 Diäten boykottieren die Freundschaft

3 Diäten boykottieren die Freundschaft

Wir waren zum Frühstück verabredet. Dringend wollte ich meiner Freundin von dem durchgevögelten Metzger erzählen und von meiner Einsicht, dass ich in der Agentur niemals alt werden würde. Genau einen Tag vor unserem Treffen kam die SMS: Bin auf Diät. Trinke nur Tee, aber du kannst ja frühstücken.
Wie soll frau da in Ruhe frühstücken?! Es gibt immer ein Kilo zu viel. Jedenfalls bei mir – seit der Geburt meiner Kinder, aber im Vertrauen eigentlich schon seit ich 14 Jahre bin.

Klar, ich verhalte mich im Vergleich zu meinen Freundinnen in Bezug auf mein Diätverhalten meist antizyklisch. Während alle im Frühjahr mit Diäten beginnen, macht mich eher der Winter schlank und die Nudeln des Sommers dick. Weshalb ich seit Jahren alle Urlaubsbilder von mir zensiere. Ich lauf dort wie ein Wal herum, der Bauch hängt über die Bikinihose und in einem Akt der Selbstverleumdung genieße ich den Urlaub, um zu Hause erschreckt festzustellen: Oh Gott, wie bin ich denn rumgelaufen! Genau so wie zig andere, die ich mit hässlichen Etiketten beklebte. Zum Beispiel: „Du hast deine besten Zeiten auch hinter dir!“ „Ganz schön dicker Arsch!“ ... Ich gelobe das Lästern nächstes Jahr zu lassen. Immer! Na ja, der Zeitpunkt meines Vorhabens ist noch weit entfernt. Und so hatte ich passend zu jener SMS gleich in der darauffolgenden Nacht diesen Traum:
Ein Freund sagte darin zu mir: „He! Zieh mal deinen Speckmantel aus. Den braucht ja wirklich keiner.“ Peinlich berührt blickte ich mich an und zog ihn aus. Darunter war ich rank  und schlank . Wie mit 14. Erleichtert besuchte ich im Traum meine Waage, um die ich sonst monatelang einen Bogen mache, und siehe da, alles bestens!

Nun, das war jetzt nur ein Traum gewesen. Eine Mischung aus Alb- und Wunschtraum, doch er beschäftigte mich. So sehr, dass ich mich im Internet auf die Suche machte: Kann man mental abnehmen? Es erschien mir so viel einfacher und bequemer ...
Und siehe da: Robert Betz: Pfundig, pfundig .... Als Hörbuch erhältlich. (Doch um Amazon mache ich einen Bogen. ‒ Was hat Amazon mit meiner Waage gemeinsam ...?) Und die Buchhandlung vor Ort schloss gerade ihre Pforten, aber ich entdeckte einen Vortrag ganz in der Nähe. Also nix wie hin ‒ meine Freundin im Schlepptau!

Robert Betz – lustig und mit Wohlstandsbäuchlein versehen ‒ schildert uns den Müll – vorwiegend psychisch und emotional ‒, den wir einlagern. Dazu gibt es Meditationen. Der Vortrag war menschlich und Betz gesteht, selbst noch auf dem Weg zu sein – mit gelegentlichen Rückschlägen, wie wir sie alle kennen. Und genau das überzeugte mich!

Kurz und gut – es wird ein langer Weg. Auch hier gilt Disziplin. ABER lieber meditiere ich in meinem Bett, als hechelnd durch den Wald zu rennen. Keine Frage, ich liebe Waldspaziergänge, und damit meine ich langsames Gehen und Vor-sich-Hinträumen, nicht vor dem eigenen Schweinehund davonlaufen. Schweiß kontra Entspannung – das Konzept gefällt mir. Also gehe ich es langsam an. Wer weiß, vielleicht geht der Trend ja wieder weg von mageren Frauen hin zum Vamp, oder ich werde irgendwann so erleuchtet sein, dass es mir schlicht und einfach egal ist, ob sich Speckröllchen abzeichnen, der Bauch hinaushängt und meine Oberschenkel sich in eine Kraterlandschaft verwandeln. Sicher bin ich dann auch dieses Hungergefühl los, das sich bei mir stets in Stresssituationen einstellt. Denn ich bin ja rundum entspannt und erleuchtet.

Fazit: keine Diät – auf zur Erleuchtung. ;-)

(Fürs Protokoll)
Hab ich gelesen oder gehört: Robert Betz (bei buch-fan.de, garantiert Amazon(en)-frei.)

Weiterlesen
Bewerte diesen Beitrag:
1371 Aufrufe

Der Metzger oder chronisch untervögelt

 Der Metzger oder chronisch untervögelt

Der Metzger oder chronisch untervögelt


Das Agenturleben treibt mich noch in den Wahnsinn! Eigentlich sitze ich ja dort, um Texte zu schreiben und konzeptionell das Ideale und Passende für die Kunden zu erarbeiten. Ich gebe zu, hierbei ist die Nachhaltigkeit mein Steckenpferd. In meiner Vorstellung berate ich Unternehmen authentisch und mit einem Nutzen für alle ‒ die Unternehmen, den Kunden und die Umwelt.

Wie naiv ich selbst nach Jahren in dieser Branche noch bin ... Ich muss meiner Wut nun endlich freien Lauf lassen.

Heute kam ich extra nachmittags zu einer Präsentation in die Agentur. Der Art-Direktor hatte einen anderen Termin, also waren ich und der Programmierer die Auserwählten. Meine Kinder befanden sich bei Freunden, nach komplizierten organisatorischen Telefonaten. Um gut vorbereitet zu sein, hatte ich extra ein kurzes Konzept geschrieben, das den Entwurf der Internetseite, die ich für gelungen hielt, erklärte und richtig positionierte. Passend für eine kleine Pension in einer idyllischen Landschaft, die vor allem Radfahrer und Wanderer als Gäste anziehen sollte, naturverbundene Menschen, oft mit Familie.

Allerdings hatte ich nicht mit dem Besitzer – einem durchgeknallten Metzger – gerechnet. Der kam samt Frau und Kind eine halbe Stunde zu früh und machte den Programmierer rund. Als ich pünktlich (was nicht oft vorkommt) und eben doch eine halbe Stunde zu spät eintraf, war das Gesicht meines Kollegen hochrot, der Metzger rannte erzürnt durch den Raum, die Frau schwieg, das Kind zermümmelte seelenruhig seine Brezel, um diese dann in alle möglichen und unmöglichen Stellen zu stecken. Als Mutter dreier Kinder bringt mich so schnell nichts aus der Ruhe. Ich holte mir einen Kaffee und versuchte den Faden aufzunehmen. Irgendwie zog ich wohl am falschen Ende, denn binnen Sekunden war der Metzger wieder an der Decke.

„LOHAS! – Diese chronisch untervögelten Arztgattinnen, die für jede Wurst eine Geschichte brauchen ... das hab ich schon dem Lions Club gesagt. Die können mir gestohlen bleiben!“ Gut, ich gab zu verstehen, dass ich mich nicht chronisch untervögelt fühle, mich aber sehr wohl zur Zielgruppe der Naturbewussten und derer, die sich gesund ernähren, zähle. Wobei nun zu erörtern sei, was wohl das normale Maß an Sexualverkehr wäre ... Er wollte nicht auf meine Einwendungen eingehen. Stattdessen meinte er, die gehören doch alle mal richtig ... Die Handbewegung dazu war klar. Mein Kollege schwitzte und wischte sich im Sekundentakt die Hände an der Hose.

Dann wollte er uns den Todesstoß geben – was bei einem Metzger nicht verwunderlich ist: „Ich möchte einfach, dass Sie die Seite des bayrischen Hofs kopieren und mit meinen Fotos füllen. Ist das denn zu viel verlangt? Der letzte Programmierer hat das für 7 Bier hinbekommen.“ Ich verkniff mir die Frage, wo denn der letzte Programmierer nun sei, und fragte, wie viel Sterne sein – was auch immer – habe. Mir kam seine Pension nicht wie ein Fünfsternehotel vor. Keinen, erwiderte er, aber das spiele ja auch keine Rolle. Ich zeigte ihm seine Rezeption neben der des bayrischen Hofes und konnte mir die sarkastische Bemerkung nicht verkneifen: „Na, sieht ja fast gleich aus.“ Leider stimmte er mir zu, nahm Kind und Frau und ging von dannen. Nicht ohne vorher zu betonen, dass es ja wohl nichts Einfacheres gäbe, als etwas zu imitieren.

Nur:
1. Wir wollen nichts kopieren, sondern individuell genau passend entwerfen.
2. Er verarscht somit seine zukünftigen Kunden. Das geht nie gut.
3. Er ist einfach ein Idiot. Wahrscheinlich chronisch untervögelt.

Muss ich meine Tage mit solch einer Arbeit verschwenden?
Ich würde lieber lesen, eine Tasse Tee trinken und, in Gedanken, die Welt verbessern. Ich könnte mich mit anderen Leseratten treffen und über tolle Philosophen diskutieren oder wir könnten Müll sammeln. Alles wäre besser, als meine Kompetenz an wild gewordene Metzger und Hotelbesitzer zu verschwenden. Vielleicht – ja vielleicht sollte ich mich tatsächlich an meinen Traum heranwagen und einen kleinen Buchladen mit Café eröffnen. Für LOHAS – mit spezieller erotischer Literatur. Und Lesen wäre meine Arbeit.

(Fürs Protokoll)
Darauf hatte ich mich bezogen und ich stehe voll und ganz zu den Inhalten (na ja, wer nicht will ...).

greenomics TItelMarketing

Weiterlesen
Bewerte diesen Beitrag:
1860 Aufrufe

Geheimes Tagebuch - Wie die Maske von Cro

Die Maske von Cro oder die Anonymität des Internets

LucySchreck Cro001


Ich schreibe. Schon immer. Also seit ich des Schreibens mächtig bin. Seit damals führe ich Tagebuch. Anfangs zum Festhalten der Ereignisse ‒ beispielsweise das Mittagessen, die Hausaufgaben oder über meinen kleinen Hasen. Später um die Welt zu verändern. Revolutionäre Schriften, flammende Reden und die Erkenntnis, alles Übel entspringe der Bequemlichkeit des Menschen. Dann folgte die Entdeckung meiner Sexualität mit allen Höhen und Tiefen. Mit Pleiten und Pannen, feuchten Zungenküssen und Angst vor einer Schwangerschaft mit 17. Die Zeiten und Themen änderten sich, nur das Schreiben blieb. In den Tagebüchern unzensiert, voller Fehler und radikal ehrlich.

Nun fand mein Schwager beim Aufräumen des Kellers meiner Mutter eben jene Tagebücher der Teenagerzeit. Er las darin. Natürlich! Erfahren habe ich davon von meiner Schwester, die sagte: „Mein Mann sagt, du kannst richtig gut schreiben.“ Erst dachte ich: Klar, ich bin ja auch Texterin in einer Werbeagentur. Auch wenn ich dort zu Diensten der Kunden schreibe und auf radikale Ehrlichkeit und die Verrücktheit meiner Einfälle verzichte. Doch dann wartete sie mit Details auf, die mir die Schamesröte ins Gesicht steigen ließen.

Gut, das alles ist lange her, aber ich schreibe noch immer Tagebuch. Gewagte, ehrliche Texte, die keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten meiner Umwelt nehmen und schon deshalb nicht für deren Augen gedacht sind. Was, wenn meine Kinder oder mein Mann diese Ergüsse lesen und wissen, dass ich diese Texte verfasst habe? Der Ärger wäre unvorstellbar, denn welche Frau möchte nicht ab und an ihren Mann mindestens auf den Mond schießen, betrügen oder gar mundtot machen.

Die Idee kam blitzartig. Ich bin nun schon seit dem Schwager-Keller-Vorfall auf Schreibentzug. Furchtbar. Also ein Kunde der Werbeagentur war es, der mir schließlich die Lösung brachte. Er jammerte über eine Stunde, dass er nicht im Internet zu finden sei. Kein Mensch lese oder beachte seine Internetseite. Schon gar nicht seinen BLOG. Ich hätte ihn küssen können. Nicht weil er nun viel Geld bei meinem Arbeitgeber lässt, um diesen furchtbaren Zustand zu ändern, sondern weil ich dadurch schreiben kann. Sozusagen unentdeckt. Und wenn es dennoch jemand liest, dann wird er mich nicht erkennen. Ich habe sozusagen eine Maske auf. Wie Cro, der mir aus dem Zimmer meines Sohnes mit sanften Augen entgegenblickt. Der Rapper hatte sich seine Maske ja anfangs auch als Schutz aufgezogen, bevor er zum Kult wurde.

Genial! Ich bin stolz über meinen Geniestreich und werde mit meinem Online-Tagebuch starten. So frivol, so frech, so politisch unkorrekt, so rücksichtslos ehrlich, wie ich es eben möchte. Und ich werde die Maske nicht lüften.

Denn ich bin Lucy, der Schreck des Internets.

Weiterlesen
Bewerte diesen Beitrag:
1351 Aufrufe
0 Kommentare